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Konzentration, bitte! Mehr bewirken in kürzerer Zeit

Zusammenfassung für eilige Leser
Eine hohe Konzentration ist nicht nur notwendig, um Leben zu ermöglichen. Es ist auch ein grundlegendes Prinzip, dass auf die Nutzung der eigenen Zeit übertragen werden kann, denn Konzentration und Geschwindigkeit von Abläufen hängen direkt zusammen. Je höher die Konzentration innerhalb eines Systems, desto kürzer sind die Wegzeiten und desto schneller Laufen Prozesse ab. Anhand Stephen R. Coveys Modell des Interessen- und Einflussbereiches wird erläutert, was Konzentration für die eigene Gedankenwelt bedeutet.

Abgesehen von einer Aktualisierung meines letzten Artikels hat sich auf meinem Blog seit geraumer Zeit wenig geregt. Das ist nicht damit begründet, dass ich meinen Blog aufgegeben habe. Viel mehres lag in einer bewussten Entscheidung, meinem Blog zugunsten meines Buchprojektes keine Zeit zu schenken. Unser Buchprojekt Zellkultur ist endlich auf der Zielgeraden und so habe ich wieder Zeit, um eine kleine Artikelserie über das Grundprinzip der Konzentration zu verfassen. In diesem Artikel werde ich erläutern, weshalb Konzentration die Geschwindigkeit von Abläufen erhöht und wie sie dieses Prinzip nutzen können, um ihre oder die Zeit ihrer Organisation besser zu nutzen. Außerdem werden sie überrascht sein, dass ich nicht über Konzentration im Sinne von „angestrengt nachdenken“ spreche, sondern über eine „Menge von Dingen in einem Raum“. Dinge wie Teilchen oder Gedanken und ein Raum wie das Zellinnere, oder eben unserem Kopf!

Konzentration – was ist das?

Das Bild für diesen Artikel habe ich ganz bewusst gewählt. Denn der schillernde Diamant im Zentrum ist ein Sinnbild für hohe Dichte. Diamanten entstehen unter unglaublichem Druck tief im Inneren unserer Erde. Diamant hat eine Dichte von 3.51 Gramm pro Kubikzentimeter. Ein Kubikzentimeter ist ein Würfel mit einer Kantenlänge von jeweils 1 cm, ganz ähnlich zu einem üblichen Spielwürfel, so wie man ihn aus Brettspielen kennt. Die Dichte ist also ein Maß dafür, wie viele Dinge sich innerhalb eines bestimmten Raumes (z. B. einem Würfel) befinden. Weil sich viele Moleküle innerhalb des Würfels befinden, ist der Diamant schwerer als z. B. Graphit, der dem Diamanten chemisch sehr ähnlich ist. Grob vereinfacht: Je mehr Dinge sich darin befinden, desto dichter ist ein Gegenstand. Die Dichte existiert natürlich nicht nur für feste Körper wie Diamanten, sondern auch Gasen oder Flüssigkeiten. Die Dichte für sie sagt uns, wie viele Teilchen sich innerhalb eines Raumes befinden. Für Lebewesen ist die Dichte mehr als nur eine physikalische Größe. Sie ist eine Notwendigkeit, wie die Katalyse, um Leben zu ermöglichen.

Von Dichte, Wegen und Geschwindigkeit

Dieses bunte Bild ist aus unserem Roman Zellkultur entliehen. Es zeigt eindrucksvoll, wie es denn in unseren Zellen aussieht. Vorausgesetzt, man nutzt eine Vergrößerung von einer Million (angelehnt an Darstellung aus dem Buch „Wie Zellen funktionieren“ von David Goodsell [2]). In dieser mikroskopisch kleinen Welt funktioniert vieles völlig anders als in unserer Welt. Die bunten Formen sind allesamt Moleküle verschiedenster Form und Größe. Kleine wendige Zuckermoleküle, große träge Proteine, aber auch viele Wassermoleküle dazwischen. Wasser ist hier also keine Flüssigkeit mehr, sondern eine Menge an Teilchen. Unterm Strich: ein ziemliches Gedränge. Die dicht aneinander gedrängten Teilchen schubsen sich einander, stoßen an, prallen ab und irren ziellos umher.

Wir wissen heute, dass Leben salopp gesagt nichts anderes ist als chemische Reaktionen. Und zwar viele davon, die vor allem aneinander anschließen müssen, ohne abzureißen. Das ist es, was wir gemeinhin Stoffwechsel nennen. Damit dies geschieht, ist es zwingend notwendig, dass alle Teilchen möglichst dicht aneinander liegen. Natürlich nicht so dicht, dass sich keiner mehr rühren kann, aber so dicht, dass möglichst wenig Platz oder besser gesagt Entfernung zwischen den Teilchen vorhanden ist. Denn je näher sie sich sind, desto geringer ist die durchschnittliche Zeit, bis zwei passende Teilchen Aneinandergraten. Denn unabhängig von ihrer individuellen Geschwindigkeit ist die Wegstrecke maßgeblich dafür verantwortlich, wie oft Teilchen miteinander kollidieren.

Am Ende geht es nur um eines: Zeit

Die hohe Dichte in lebenden Zellen sorgt also dafür, dass die Wege kurz sind und damit viel häufiger mögliche Reaktionspartner zusammentreffen. Aber nicht nur das, wie man im Bild schön sehen kann, ordnen sich Zellen auch so, dass nur bestimmte Teilchen nahe beieinander sind. Stellen sie sich eine Kiste voller loser, ungeordneter Schrauben vor: große Schrauben, kleine Schrauben, lange Schrauben, kurze Schrauben usw. Um in dieser losen Kiste die richtige Schraube zu finden, benötigen sie deutlich mehr Zeit, als wären die Schrauben in separaten Kisten geordnet. Je seltener die gesuchte Schraube ist, desto länger dauert es, bis ihr Werkzeug mit der Schraube „reagieren kann“. Genau dieses Prinzip nutzen Zellen, um die Dichte an passenden Teilchen zu erhöhen. Denn am Ende gilt: Hohe Konzentration bedingt kurze Wege, die weniger Zeit kosten. Und am Ende geht es nur darum: Abläufe schnell und damit anschlussfähig zu machen. Ist die Dauer zwischen zwei Abläufen zu lange, reißt die Kette ab und das System kommt zum Erliegen [1].

Ohne Grenzen, keine Konzentration

Wir wissen jetzt, dass viele Dinge auf einem begrenzten Raum für eine hohe Dichte sorgen. Indem wir aber zusätzlich nur die Dinge in diesen Raum lassen, die wir benötigen, erreichen wir eine hohe Konzentration. Eine Konzentration an Nützlichem, weil alles andere außen vor gelassen wird. Einen Raum bekommt man aber nur, wenn man Grenzen setzt. Hätte eine Zelle keine Hülle, so würden die aufwendig geordneten Teilchen überall hin wegschwimmen. Das Resultat wären längere Wege und Zeitverlust. Das heißt für uns, wenn wir Dinge schnell tun möchten, benötigen wir ordnende Strukturen und Grenzen, die uns ermöglichen, nützliche Dinge zu sammeln.

Unser Interessen und Einflussbereich

Verlassen wir nun die Zellen und wenden uns einem bekannten Konzept von Stephen R. Covey zu, das er Interessen- und Einflussbereich nennt [3]. Das Konzept eignet sich recht gut, um die Problematik fehlender Konzentration zu ergründen. Jedoch ist es in seiner Urform unvollständig, da der wichtige Aspekt der Konzentration keine Beachtung findet. Die Idee der Kreise ist es, Themen, die uns beschäftigen oder mit denen wir uns beschäftigen, einzuordnen. Der äußere Rand stellt die Wahrnehmungsgrenze dar. Was sich hinter dieser Grenze befindet, bekommen wir nicht mit uns kann uns demnach weder interessieren, noch können wir darauf Einfluss nehmen. Alles, was sich innerhalb dieser Grenze befindet, hat ein Abbild in unserem Kopf. Je mehr das ist, desto mehr unterschiedliche Dinge und Gedanken liegen in unserer „Schraubenkiste“.

Im Interessenbereich befindet sich alles, was irgendwie unser Interesse weckt. Das können Nachrichten sein, äußere Umstände und andere Themen, auf die wir aber keinen direkten Einfluss haben. Alle Aufmerksamkeit und Zeit, die wir hier aufwenden, ist dahingehend verloren, weil wir nichts ändern können.

Im Einflussbereich befinden sich Dinge, die wir nicht direkt kontrollieren können, aber die wir beeinflussen können. Üblicherweise siedeln sich hier Themen an, die sich mit anderen Personen beschäftigen. Alle Dinge am Arbeitsplatz, in der Familie, im Verein oder in anderen sozialen Gruppen sind hier verortet.

Und dann wäre da noch der Kontrollbereich. Er ist eine Teilmenge aus unserem Einflussbereich mit dem Unterschied, dass wir ihn absolut in der Hand haben. Für gewöhnlich sind das Dinge, über die wir die volle Entscheidungsgewalt haben oder die uns selbst betreffen.

Den Einflussbereich vergrößern

Stephen R. Covey argumentiert, dass proaktive Menschen ihre Energie auf ihren Einflussbereich lenken (in seinem Modell gibt es keinen Kontrollbereich), während reaktive Menschen sich auf ihren Interessenbereich fokussieren. Sie nutzen ihr wertvolle Zeit, um über Dinge nachzudenken, die sie nicht ändern können: Die Umstände, die Politik, die Nachrichten, die Aktienkurse. Sicherlich kann man den ganzen Tag über die Folgen der Corona Pandemie lamentieren und jede Eilmitteilung verfolgen. Falls daraus keine Aktivität erwächst, die sich innerhalb des eigenen Einfluss- oder Kontrollbereiches befindet, stellt sich jedoch die Frage: Was bringt mir das?

Stephen R. Covey empfiehlt dann, den eigenen Einflussbereich (inkl. Kontrollbereich) zu vergrößern. Z. B. indem man anstelle sich über etwas aufzuregen, bestimmt, was man konkret für sich für Konsequenzen zieht. Anstelle sich über das Verhalten anderer auszulassen, den eigenen Umgang mit diesem verhalten ändert. Aus Sicht der Konzentration gewinnt man hierdurch jedoch nur neue Handlungsoptionen. Denn es kommen neue Dinge hinzu. Und das bedeutet ja nicht, dass die Bisherigen verschwinden. Die Konzentration verringert sich im ersten Schritt also weil man noch mehr Möglichkeiten im Kopf hat, auf die man die eigene Aufmerksamkeit aufteilen kann. Den eigenen Einflussbereich erweitern ist in etwa damit vergleichbar: Es ist gut, vielseitig interessiert zu sein. Deshalb lege ich mir jetzt einige neue Hobbys und Lernbereiche zu. Die Folge ist, ich habe mehr Themen in meinem Kopf. Die Zeit, um diese neuen Hobbys zu bedienen, muss jedoch von anderen Themen abgezogen werden. Das führt zu weniger Zeit pro Thema und potenziell häufigeren Kontextwechseln.

Aktionsbereich nutzen um Konzentration zu erhöhen

Ich gehe davon aus, dass der Interessen- und Einflussbereich keine stabile Größe ist. Er ist ein Sammelsurium an Dingen, die sich über die Zeit ändern, zum Teil auch unwillentlich. Vor Corona hatte niemand einen Posten der Lockdown oder Impfungen hieß in seinem Interessenbereich. Heute hat es nahezu jeder Bundesbürger. Selbst ich verbringe mehr Zeit als früher damit, Nachrichten zu konsumieren, die mich in eine schlechte Stimmung versetzen. Auf Kosten anderer deutlich vorteilhafterer Themen. Die Auswahl an Themen, mit der wir uns innerhalb einer Zeiteinheit z. B. eines Tages beschäftigen, nenne ich Aktionsbereich. Diesen können wir mit entsprechender Vorbereitung weitgehend selbst festlegen oder, ausreichende Selbstwahrnehmung vorausgesetzt, auch situativ steuern.

Wie wir gelernt haben, geht es gar nicht um die Menge der Dinge alleine, sondern um ihre Distanz zueinander. Je mehr wir unsere Zeit, womöglich ohne dass es uns bewusst sind aufteilen, desto geringer wird die Wirksamkeit unseres Zeiteinsatzes. Da unser Aktionsbereich eine geringe Konzentration hat, entfällt auf jedes Thema weniger Zeit und Aufmerksamkeit. Zudem haben wir mentale Distanzen zurückzulegen, jedes Mal, wenn wir uns etwas anderem zuwenden. Im Berufsalltag bezeichnen wir dieses Phänomen gerne als „Multitasking“. Wobei Multitasking keine Gleichzeitigkeit beschreibt, sondern vielmehr das mentale Reisen zwischen den Themen. Denn der Kontextwechsel ist es, der uns Zeit kostet. Je weniger Themen wir in unseren Aktionsbereich zulassen, desto höher ist dessen Konzentration. Wir haben weniger verschiedene Schrauben in unserer Kiste und finden diese auch schneller, selbst wenn wir vorher den Kontext gewechselt haben.

Dieser Zusammenhang ist in einer beispielhaften Darstellung eines Interessen- und Einflussbereiches veranschaulicht. Der rote Aktionsbereich hat nicht nur eine geringere Konzentration, sondern auch noch einen Fokus auf den ungünstigen Interessenbereich. Der grüne Aktionsbereich hat eine deutlich höhere Konzentration, indem er sich auf wenige (hoffentlich sinnvolle) Aspekte reduziert und damit Optionen ausschließt. Sind Themen im Aktionsbereich fertig oder ausreichend betreut kann Platz für Neues geschaffen werden. Optimal ist eine begrenzte Auswahl von Themen die sich überwiegend im eigenen Kontrollbereich befinden.

Fazit

Konzentration und Geschwindigkeit sind fundamentale Zusammenhänge, die sich in unterschiedlichen Kontext übertragen und nutzen lassen. Selbst gemeinhin bekannte Prinzipien wie Multitasking oder Achtsamkeit lassen sich aus physikalischen Zusammenhängen herleiten. Indem wir uns über unsere eigene Wahrnehmungsgrenze klar werden, lernen wir, welche Themen uns bewegen und beeinflussen. Aber nicht jedes Thema, das unsere Aufmerksamkeit einnimmt, ist jedoch hilfreich für uns. Sie erhöhen alle die Dichte in unserem Kopf. Bis alles so voll ist, dass sich auch die guten Gedanken nicht mehr bewegen können. Denn störende Themen sind nicht nur einfach da – nein, sie reduzieren die Konzentration und machen es unwahrscheinlicher, dass wir Zeit für Vorteilhaftes aufwenden. Denn jeder Kontextwechsel zwischen fremden Gedankengängen kostet uns wiederum Zeit. Den eigenen Aktionsbereich innerhalb unserer Wahrnehmungsgrenze zu verstehen und zu gestalten, kann uns Aufschluss darüber geben, wohin unsere Zeit wandert. Und darum geht es ja: die Zeit. Denn sie ist die begrenzende Ressource jedes Lebewesens.

Im nächsten Artikel wird es darum gehen, wie man das Prinzip der Konzentration durch clevere Ordnung im Alltag und Beruf dazu einsetzt, Prozesse und Abläufe zu beschleunigen. Entweder für ich selbst oder auch für die eigene Organisation.

Hinweis: Die Konzentration wird auch in unserem bald erscheinenden Business-Roman Zellkultur thematisiert. Newsletter Abonnenten werden zum Erscheinungstermin informiert und können sich den bionischen Funktionsplan unseres Management- Modells vorneweg herunterladen.

Danke fürs Lesen. Leben Sie lang und erfolgreich!

Literaturhinweise und Buchempfehlungen

[1] Dachs, Clemens (2021): Viable Project Business. A Bionic Management System for Large Enterprises. Cham: Springer International Publishing AG (Contributions to Management Science).
[2] Goodsell, David S.; Renneberg, Reinhard; Hummel, Isolde (2010): Wie Zellen funktionieren. Wirtschaft und Produktion in der molekularen Welt. 2. Aufl. Heidelberg: Spektrum Akad. Verl. (Spektrum-Sachbuch).
[3] Covey, Stephen R. (2016): Die 7 Wege zur Effektivität. Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg. Unter Mitarbeit von Angela Roethe, Ingrid Pross-Gill und Nikolas Bertheau. 36. Auflage. Offenbach: GABAL